Vegan in der Schwangerschaft – Interview mit Johanna (@flusine)

Anastasia Pyanova - Kurse

Im letzten Beitrag haben wir uns mit veganer Ernährung in der Schwangerschaft beschäftigt. Die meisten Fachgesellschaften, wie die American Academy of Dietetics, halten eine gut geplante vegane Ernährung in allen Lebensphasen, inklusive Schwangerschaft, für möglich. Wenn man sich aber vor der Schwangerschaft nicht vegan ernährt hat, würde ich es persönlich nicht empfehlen, eine Umstellung in dieser sensiblen Lebensphase vorzunehmen. Was ist aber, wenn man sich schon längst vegan ernährt hat und sich gut mit veganer Ernährung auskennt? Dann gibt es natürlich keinen Grund, es in der Schwangerschaft nicht weiterzumachen! Doch was ist, wenn die Familie oder Ärzte kein Verständnis dafür zeigen? Oder man plötzlich Gelüste nach tierischen Produkten bekommt?

Ich habe diese Fragen an Johanna (33, Mutter von 2 Söhnen) gestellt, die sich schon seit 9 Jahren vegan ernährt und 2 vegane Schwangerschaften hinter sich hat. Johanna ist außerdem vegane Ernährungsberaterin und arbeitet speziell mit Familien, die sich auf vegane Kost umstellen möchten (ihr könnt eine Beratung bei ihr über ihre Webseite buchen). Auf Instagram bloggt Johanna über Veganismus, Familienleben und gesunde Ernährung. Ihr könnt sie auch auf YouTube finden. Und jetzt kommt das Interview…

  • Wie lange warst Du schon vegan, bevor Du zum ersten Mal schwanger geworden bist?
    Johanna: Ich habe im Sommer 2011 meine Ernährung umgestellt. Zum ersten Mal schwanger war ich Anfang 2015, also etwa 4,5 Jahre lebte ich da bereits vegan.
  • Hast Du Dich schon vor der Schwangerschaft extra über die Ernährung in der Schwangerschaft informiert? 
    Johanna: Ja. Allerdings gab es zu der Zeit noch recht dürftige Informationen. Ich hatte ein Buch auf englisch und eben das Wissen zur allgemeinen veganen Ernährung (wobei die Infos auch hier zu der Zeit echt noch nicht so leicht zugänglich waren wie heute). Sonst habe ich viel im Internet geforscht.
  • Hast Du angefangen, anders zu supplementieren?
    Johanna: Ja. Ich habe erst dann DHA zugeführt und auch Jod habe ich vorher nicht supplementiert. B12 und D3 habe ich da schon genommen. Außerdem Folsäure, was ja jeder Schwangeren nahe gelegt wird.
  • Hat die Schwangerschaft etwas an Deinen Ernährungsgewohnheiten geändert?
    Johanna: Leider. Ich hatte extrem mit Übelkeit zu kämpfen und habe nur auf ganz wenige Sachen überhaupt Lust gehabt. Daher habe ich mich definitiv unausgewogener ernährt als sonst. Shame on me. Mein Trost ist, dass das was ich als ungesündere Ernährung sehe vermutlich immer noch keine Katastrophe ist – es gab trotzdem täglich Obst und Gemüse, Vollkornprodukte, Nussmus etc. Nur konnte ich eine Weile außer Erbsen und Tofu keine Hülsenfrüchte sehen. Und es gab einfach mehr Convenience Zeug als ich üblich esse.
  • Hattest Du plötzlich Gelüste nach tierischen Produkten?
    Johanna: Ja!! Vor allem in der ersten Schwangerschaft. Ich bin fast durchgedreht wenn ich beim DITSCH Bäcker vorbei lief und hätte mir jedes Mal fast die Salami Pizza gekauft. Außerdem hatte ich tierisches (haha) Verlangen nach Gouda und Frischkäse (Le Tartar…) Hab aber nie nachgegeben, sondern dann zu veganen Alternativen gegriffen.
  • Hattest Du vielleicht Zweifel, ob Du nicht doch vegetarisch oder gar mischköstlich essen solltest?
    Johanna: In der ersten Schwangerschaft mehr als in der zweiten. Nicht oft. Aber natürlich gehen Horrormedienberichte oder Kommentare im Umfeld nicht immer spurlos an einem vorbei. Letzten Endes war ich mir aber meiner Sache sicher, da ich gut informiert war. In der zweiten Schwangerschaft war das für mich fast gar kein Thema mehr.
  • Wie war es mit den Arztbesuchen, wusste Dein(-e) Frauenarzt/Frauenärztin Bescheid, dass Du vegan bist?
    Johanna: In der ersten ja, in der zweiten nein. Da mein Frauenarzt absolut null Ahnung von Ernährung hatte, habe ich es in der zweiten Schwangerschaft nicht angesprochen. Mein Eisenwert wurde übrigens immer gelobt 😀
  • Wie hat sich Dein Umfeld zum Thema „Vegan in der Schwangerschaft“ geäußert?
    Johanna: Für die meisten war es klar, dass ich weiterhin vegan bleibe, schließlich war ich es ja nicht erst seit gestern. Ich muss sagen, dass ich das Thema aber im privaten Umfeld auch nicht forciere. Also ich rede von mir aus kaum darüber wie ich mich ernähre. Habe auch wenig negatives dazu erlebt außer auf der Arbeit, wo die Worte „Kindeswohlgefährdung“ und „fahrlässig“ fielen. Aber ansonsten war das recht entspannt. Es wissen auch eigentlich alle dass ich mich auskenne. Da kommt keiner auf die Idee mir reinzuquatschen.
  • Gab es auch Fragen, wie ihr das Kind dann ernähren wollt?
    Johanna: Ja. Aber auch hier eher wenig, wir haben einen vegetarisch-vegan geprägten Freundeskreis und sonst auch eher offene Menschen im Umfeld. Und ich bin da einfach auch sehr selbstbewusst weil ich mich gut auskenne. Mein Mann ist auch vegan daher kommen wohl die wenigstens auf die Idee dass wir unseren Kindern tierische Produkte kaufen.
  • Was würdest Du anderen Veganerinnen raten, die sich mit der veganen Ernährung in der Schwangerschaft unsicher fühlen?
    Johanna: Informieren und im Zweifel eine Beratung aufsuchen. Die Basics wissen um argumentieren zu können und natürlich auf die Versorgung mit den potenziell kritischen Nährstoffen achten. Ich finde insgesamt ist es wichtig die Balance zu finden: Sich nicht komplett verunsichern lassen aber auch nicht alles auf die leichte Schulter nehmen. Vegan in der Schwangerschaft funktioniert wunderbar und ist nicht gefährlich – fahrlässig wird es nur wenn man nicht entsprechend auf sich achtet. Eine mischköstliche Schwangerschaft habe auch kritische Nährstoffe, allerdings ist es natürlich so, dass bei vegan der Fokus teilweise anders gesetzt werden muss. Daher ist eine Beschäftigung mit dem Thema Ernährung für mich unabdingbar, besonders wenn neben der eigenen Gesundheit auch noch die eines Kindes betroffen ist. Sich informieren hilft außerdem dabei, bei aufkommenden Diskussionen Sicherheit zu bewahren. Daher kann ich nur raten, sich ein Wissen anzueignen oder das von Expert*innen in Anspruch zu nehmen.

Mein Fazit: eine gut geplante vegane Ernährung in der Schwangerschaft ist möglich und in der Praxis auch nicht so schwer. Man muss ein paar Sachen beachten (kritische Nährstoffe, Blutwerte testen lassen, Supplementieren) und evtl. eine Ernährungsberatung in Anspruch nehmen. Ich habe mich vor kurzem als Ernährungsberaterin für vegane und vegetarische Kostformen fortbilden lassen, so dass ich jetzt auch Veganerinnen und Vegetarierinnen auf ihrem Weg unterstützen kann!

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