Sind Probiotika empfehlenswert?

Probiotika: Pillen oder echte Lebesnmittel?

Der Darm spielt eine wichtige Rolle für unsere Gesundheit und Wohlbefinden – und das nicht zuletzt wegen der Darmflora, korrekter gesagt, des intestinalen Mikrobioms. Dazu zählen alle Mikroorganismen, die bei uns im Darm leben – vor allem Bakterien, aber auch Viren und Pilze. Unsere Mikroflora ist vor allem durch Bakterien-Familien Firmicutes und Bacteroidetes geprägt. Die genaue Zusammensetzung ist höchst individuell, jedoch relativ stabil, obwohl es, meistens für eine kurze Zeit, durch Ernährung und Erkrankungen beeinflusst werden kann. So konnte gezeigt werden, dass der Verzehr von manchen Süßungsmitteln Insulinresitenz begünstigen kann, indem es die Darmflora-Zusammensetzung ändert. Veganer und Fleischesser haben unterschiedliche Darmflora, und die Darmbakterien sind u.a. für ein erhöhtes Herzkrankheiten-Risiko bei Fleischessern zuständig! (s. „Quellen“ unten)


Unsere Darmbakterien helfen bei der Verdauung und produzieren Nährstoffe. Aus unverdaulichen Kohlenhydraten der Nahrung (Ballaststoffen) können sie kurzkettige Fettsäuren (engl. short chain fatty acids, SCFAs) produzieren (Butyrat, Acetat und Propionat): diese können unsere Darmzellen als Energiequelle verwenden. Sie können außerdem antientzündlich und als Antioxidatien wirken. Vor allem Butyrat werden mehrere positive Auswirkungen auf die Gesundheit zugeschrieben.

Wenn die Krankheitserreger die Oberhand im Darm nehmen, kommt es zu einer sog. Dysbiose (Vermehrung von potentiell pathogenen Bakterien) – es kann dabei passieren, dass der pH-Wert erhöht wird und unsere „guten“ Bakterien sich dann nicht mehr wohlfühlen. Hält dieser Zustand länger an, so kann es die Entstehung von weiteren gesundheitlichen Problemen begünstigen.

Es kam also die Idee, unsere Mikroflora mithilfe von Probiotika in eine „gesündere“ Richtung zu beeinflussen. Was sind Probiotika überhaupt? Ein Probiotikum ist eine Zubereitung, die lebende Mikroorganismen (meistens Bakterien, manchmal auch bestimmte Hefepilze) enthält. Manche Präparate enthalten auch wachstumsfördernde Stoffe (Prebiotika, z.B. Inulin) – sie heißen Synbiotika.


Für welche Erkrankungen gibt es momentan Evidenz, dass Probiotika helfen können? Die Liste ist ziemlich lang: Adipositas, Antibiotika-assoziierter Durchfall (AAD), Atemwegsinfekte, Bluthochdruck, Clostridium difficile Infektionen, Depression, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Reizdarm uvm. Interesessanterweise wurden bei einigen dieser Krankheiten nicht nur Probiotika in Form von Pillen, sondern auch fermentierte Milchprodukte getestet. So konnte es z.B. gezeigt werden, dass beide Interventionen einen positiven Effekt auf den Cholesterinspiegel haben: der stärkste Effekt wurde durch Lactobacillus acodophilus erzielt.


Welche evidenzbasierten Empfehlungen gibt es momentan für Probiotika-Einnahme? Ein Übersichtsartikel aus dem Jahr 2017 bezeichnet nur die Gabe von Probitoka bei AAD-Durchfall sowie C.difficile-assoziiertem Durchfall und bei häufigen Atemwegsinfekten als „evidenzbasiert“. So wurde in einer Studie von 2015 eine 11% Risikoreduktion von AAD in der Probiotika-Gruppe beobachtet – das heißt, dass Patienten, die Probiotika nach Antibiotika eingenommen haben, hatten ein geringeres Risiko für AAD-Durchfall. Besonders effektiv scheinten hier Lactobacillus rhamnosus und Saccharomyces boulardii zu wirken. S.boulardii (in dem bekannten Anti-Durchfall-Medikament Perenterol® enthalten) sollte aber nicht bei immunschwachen Personen benutzt werden! Bei anderen Krankheiten ist die Evidenzlage noch nicht stark genug, obwohl es in einigen Studien Hinweise für eine positive Wirkung gibt.


Gibt es Evidenz, dass Probiotika auch gesunden Menschen helfen können, ihre Darmflora „noch besser“ zu machen? Nicht wirklich. Wie es auch mit Vitaminpillen der Fall ist, hilft viel nicht viel. Für die meisten (gesunden) Menschen haben Probiotika wahrscheinlich keinen Nutzen. Nach einer Antibiotikatherapie kann so ein Präparat jedoch sinnvoll sein, denn dann kann es einer Fehlbesiedlung mit Pilzen oder ungünstigen Bakterien vorbeugen. Es ist auch sinnvoll, die Ernährung ballaststoffreich und fleischarm zu gestalten – beides soll dazu beitragen, dass die „guten“ Bakterien sich im Darm „ausbreiten“ können.


Was ich persönlich sehr spanndend finde, ist Evidenz, dass Probiotika die Anzahl sowie Dauer der Atemwegsinfekten bei Kindern und Erwachsenen signifikant reduzieren; auch die Gabe von Antibiotika (sprich: bakterielle Superinfektionen nach viralen Infektionen) war seltener in den Probiotika-Patienten. Allerdings heißt es leider längst nicht, dass wir alle von Probiotika in disem Sinne profitieren können, denn häufige Atemwegsinfekte können von vielen Faktoren abhängig sein, die nicht direkt mit dem Mikrobiom zu tun haben (genetische Prädisposition, Vitaminmangel).


Mein Fazit: Probiotika – ob in Form von Pillen oder fermentierten Milchprodukten – können positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Meine persönliche Empfehlung ist, die Nutzung von Pillen nur auf bestimmte Situationen zu begrenzen (Durchfallerkrankungen, Antibiotika-Therapie) und lieber öfter fermentierte Produkte (Kefir, Joghurt, Sauerkraut, Kimchi, Miso usw.) sowie ballaststoffreiche Produkte (Obst, Gemüse, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte) in die Ernährung zu integrieren. Auch Kartoffeln sollte man öfter, gerne täglich essen: abgekühlt nach dem Kochen sind sie reich an resistener Stärke, die eine perfekte Nahrung für die Darmbakterien bietet.

Quellen zum Weiterlesen:
(1) Patel R and DuPont H (2015) New Approaches for Bacteriotherapy: Prebiotics, New-Generation Probiotics, and Synbiotics. CID 2015:60 Suppl.2
(2) Rondanelli et al (2017) Using probiotics in clinical practice: Where are we now? A review of existing meta-analyses. Gut Microbes Vol.8, No.6, 521-543
(3) Goldenberg JZ et al. (2015) Probiotics for the prevention of pediatric antibiotic-associated diarrhea. Cochrane Database Syst Rev; CD004827; PMID:26695080
(4) Rote-Hand-Brief von BfArM: https://www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RHB/2018/rhb-saccharomyces_boulardii.html
(5) Hao Q, Dong BR, Wu T. (2015) Probiotics for preventing acute upper respiratory tract infections. Cochrane Database Syst Rev; CD006895; PMID:25927096
(6) Suez et al. Artificial sweeteners induce glucose intolerance by altering the gut microbiota.Nature 2014; doi:10.1038/nature13793
(7) Koeth et al. Intestinal microbiota metabolism of L-carnitine, a nutrient in red meat, promotes atherosclerosis. In: Nature, 2013
(8) David et al. Diet rapidly and reproducibly alters the human gut microbiome. In: Nature, 2014

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