Reishi-Pilz – „Pilz der Unsterblichkeit“?

Pilz

Der Reishi-Pilz gehört seit Tausenden von Jahren zu den Heilpilzen in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). „Reishi“ ist allerdings der japanische Name, in China ist es als „Ling Zhi“ bekannt, in Deutschland – als Glänzender Lackporling. Es soll vor allem das Immunsustem stärken und bei allen möglichen Krankheiten helfen. Mittelerweile wird Reishi auch hier in Deutschland angebaut und als Pulver oder in Kapseln verkauft.
Doch was sagen die wissenschaftlichen Studien dazu?


Eine Suche in der Medline/PubMed-Datenbank ergibt mehr als 1000 Studien zum Thema Reishi-Pilz. Und einige davon klingen sehr vielversprechend! So hat z.B. eine Studie aus dem Jahr 2018 gefunden, dass Extrakt aus Reishi-Pilz eine protektive Wirkung in Bezug auf oxidativen Stress und Lipidstoffwechsel in Mäusen, die mit einer Version der „Western-Diät“ (mit viel Cholesterin und gesättigten Fettsäuren; steht in Verbindung zu vielen Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas), die sog. „high-fat diet“ gefüttert wurden (1). Eine andere Studie aus dem gleichen Jahr hat festgestellt, dass Reishi-Einnahme zu einer besseren Durchblutung im Gehirn von Ratten, die an Bluthochdruck leiden, führte (2). Es scheint auch in Form von einer Kombucha-Präparation antibakterielle Effekte haben (3), obwohl man es natürlich nicht direkt auf eine in vivo Situation übertragen kann (also im Fall von einer bakteriellen Infektion im Körper).
Das klingt alles ziemlich interessant, nicht wahr? Doch wie schneidet Reishi in klinischen Studien an Menschen ab?


In der Cochrane-Datenbank der klinischen Studien habe ich 2 Studien zum Thema Reishi gefunden: es handelt sich um Metaanalysen von Interventionsstudien – einmal in der Krebstherapie und einmal in der Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In beiden Fällen wurden nur RCTs ausgesucht (randomisierte kontrollierte Studien). RCTs sind der „Goldstandard“ der evidenzbasierten Medizin. Bei diesen Studien werden Patienten durch Zufall („random“) über automatisierte Programme einer Behandlungsgruppe zugeordnet: das beugt der Situation vor, in der Patienten mit den stärksten Symptomen in einer Gruppe (z.B. Test und nicht Plazebo) landen.


In der ersten Metaanalyse (4) ging es um die sog. kardiovaskuläre Risikofaktoren (Bluthochdruck, Cholesterin und HbAC1-Werte – Biomarker für Langzeitblutzucker): alle diese Werte können das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bestimmen. Die Autoren haben die medizinische Literatur (bis Jahr 2014) nach Evidenz durchgesucht und sind zum Entschluss gekommen, dass die Evidenzlage schwach ist: Reishi-Präparate scheinen keine statistisch signifikante Wirkung auf die kardiovaskuläre Risikofaktoren zu haben. Somit ist Reishi-Extrakt nicht empfehlenswert zur Behandlung oder Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In einer Studie wurden sogar Nebenwirkungen von Reishi-Einnahme beschrieben (Durchfall, Verstopfung, Übelkeit). Insegsamt haben die Patienten von 1,4 bis 5,4g Reishi-Extrakt pro Tag zu sich genommen.


In der zweiten Metaanalyse (5) sind die Autoren der Frage nachgegangen, ob Reishi-Extrakt eine Wirkung in Krebspatieten zeigt (in Bezug auf das Überleben, Lebensqualität, Immunreaktionen). Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Reishi die Wirkung von Chemotherapie verstärken könnte und das Überleben nach der Therapie verlängern könnte, allerdings nur in Kombination mit konventionellen Methoden. Es stellt also an sich keine Alternative zu anderen Behandlungsmethoden dar, kann aber eine gute Ergänzung sein!


Und was ist mit dem Immunsystem, ist Reshi zumindest als Immunbooster geeignet? Hierzu gibt es leider gar keine aussagekräftigen Studien. In der Metaanalyse zum Thema Krebs wurde gezeigt, dass die Anzahl von einigen Immunzelltypen bei Patienten, die Reishi-Extrakt bekommen haben, erhöht wurde. Diese Ergebnisse sind aber nicht auf gesunde Menschen übertragbar. Es gibt auch weitere Studien, die potentiell immustimulierende Wirkung von Reishi untersucht haben. So konnte es in einer RCT (6) gezeigt werden, dass eine 12-wöchige Einnahme von Joghurt mit ß-Glucan aus Reishi die Konzentration von diversen Lymphozyten im Blut von Kindern (3-5 Jahre) erhöht hat. Ob und inwiefern es tatsächlich zu einer Resistenz gegen Infektionen und einer verbesserten Immunantwort führt, wurde nicht gezeigt, aber es sind auf jeden Fall interessante Hinweise auf die Wirksamkeit von Reishi-Präparationen. Wissenschaftler haben eine wirksame Stimulation von humanen Immunzellen in einem Zellkultur-Modell demonstrieren können (7), allerdings handelte es in dieser Arbeit um einen Extrakt von drei unterschiedlichen Pilzsorten.


Fazit: die Evidenzlage ist immer noch schwach. Eine Supplementierung mit Reishi-Pilz-Extrakten scheint zwar ungefährlich zu sein, aber die Wirksamkeit ist in Studien an Menschen nicht ausreichend bewiesen und kann somit nicht empfohlen werden. Ich finde, es ist – zumindest nach heutigem Stand der Wissenschaft – eher unnötig, solche Extrakte zu sich zu nehmen.

Quellen:


1) Liang Z et al. Hypolipidemic, Antioxidant, and Antiapoptotic Effects of Polysaccharides Extracted from Reishi Mushroom, Ganoderma lucidum (Leysser: Fr) Karst, in Mice Fed a High-Fat Diet. J Med Food 2018 Dec;21(12):1218-1227. doi: 10.1089/jmf.2018.4182.


2) Shevelev OB et al. Hypotensive and neurometabolic effects of intragastric Reishi (Ganoderma lucidum) administration in hypertensive ISIAH rat strain. Phytomedicine 2018 Mar 1;41:1-6. doi: 10.1016/j.phymed.2018.01.013.


3) Sknepnek et al. Novel Kombucha Beverage from Lingzhi or Reishi Medicinal Mushroom, Ganoderma lucidum, with Antibacterial and Antioxidant Effects. Int J Med Mushrooms 2018;20(3):243-258. doi: 10.1615/IntJMedMushrooms


4) Klupp NL et al. Ganoderma lucidum mushroom fort he treatment of cardiovascular risk factors. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 2. Art. No.: CD007259. DOI: 10.1002/14651858.CD007259.pub2.


5) Jin X et al. Ganoderma lucidum (Reishi mushroom) for cancer treatment. Cochrane Database of Systematic Reviews 2016, Issue 4. Art. No.: CD007731. DOI: 10.1002/14651858.CD007731.pub3.


6) Henao SLD et al. Randomized Clinical Trial for the Evaluation of Immune Modulation by Yogurt Enriched with β-Glucans from Lingzhi or Reishi Medicinal Mushroom, Ganoderma lucidum (Agaricomycetes), in Children from Medellin, Colombia. Int J Med Mushrooms 2018;20(8):705-716. doi: 10.1615/IntJMedMushrooms


7) Mallard B et al. Synergistic immuno-modulatory activity in human macrophages of a medicinal mushroom formulation consisting of Reishi, Shiitake and Maitake. PLoS One 2019 Nov 7;14(11):e0224740. doi: 10.1371/journal.pone.0224740

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