Krebs und vegane Ernährung (und Vitamin B12)

Ofengemüse

Die „Western Diät“, das typische Ernährungsmuster in Industrieländern, ist gekennzeichnet durch einen hohen Konsum von rotem und verarbeitetem Fleisch sowie einen hohen Anteil an gesättigten Fettsäuren, Zucker, Weißmehl und Salz. Kein Wunder, dass wenn man in irgendeiner Weise davon abweicht und sich mehr mit Ernährung beschäftigt, kann man das Risiko für viele Erkrankungen „des Wohlstandes“ zumindest teilweise verringern, u.a. auch für Krebs. Eine pflanzenbasierte Kost mit einem hohen Anteil an Vollkorngetreide, Gemüse, Obst, sowie Hülsenfrüchten, Nüssen und Samen wirkt sich da eher präventiv aus. Doch heißt das, dass eine komplett pflanzliche Ernährung noch besser ist? Haben Veganer tatsächlich ein geringeres Krebsrisiko?


Nach den Ergebnissen der Metaanalyse von 2017 (s.u.) war vegane Ernährung mit einer 15% Senkung des Gesamtkrebsrisikos assoziiert, das gilt aber nicht für einzelne Krebsarten. Nach den Ergebnissen der Adventist-Health-Studie 2 (s.u.) war das Gesamtsterblichkeitsrisiko für Veganer zwar niedriger, aber es gab keine Risikosenkung in Bezug auf Krebs. Interessanterweise wurden in früheren Auswertungen solche Effekte von veganer Ernährung gefunden: in 2013 wurde eine Auswertung der AHS2 publiziert (s.u.), wo es eine statistisch signifikante Verminderung des Gesamtkrebsrisikos gab, außerdem auch ein verringertes Risiko für bestimmte Krebsarten, die für Frauen spezifisch sind, wie Brustkrebs. Ovolaktovegetarier hatten dagegen ein verringertes Risiko für gastrointestinale Krebsarten wie Darmkrebs. Die Ergebnisse für einzelne Krebsarten sind aber grundsätzlich sehr widersprüchlich in unterschiedlichen Studien, so dass es noch nicht ganz klar ist, ob sich vegane Ernährung da präventiv auswirkt.


Insgesamt lässt sich also sagen, dass es noch bei weitem nicht klar ist, ob eine rein vegane (nicht „nur“ pflanzenbetonte) Ernährung Vorteile in Bezug auf Krebsrisikosenkung hat. Wenn es so ist, dann ist der Effekt gegenüber einer pflanzenbasierten Ernährung mit einem geringen Anteil an hochwertigen tierischen Produkten wahrscheinlich sehr gering, wenn überhaupt existent. Und jetzt kommt noch die Sache mit Vitamin B12 dazu: laut neuen Studien kann die Einnahme von Vitamin B12-Supplementen, auf die alle Veganer angewiesen sind, sogar das Krebsrisiko erhöhen!


In einer Studie wurden Menschen, die 2-3 Jahre lang 400mcg Folsäure und 500mcg Vitamin B12 täglich supplementiert haben (Araghi et al, 2019) untersucht – in dieser Gruppe wurde ein erhöhtes Risiko für alle Krebsarten sowie Darmkrebs festgestellt. In einer anderen Studie (Fanidi et al, 2019) wurden Vitamin B12-Blutwerte untersucht und es wurde festgestellt, dass hohe B12-Werte mit einem höheren Risiko für Lungenkrebs einhergehen. Dazu muss man aber sagen, dass diese Risikoerhöhung besonders für männliche (Ex-)Raucher signifikant war. Leider liegen keine Daten zur Ernährung der Probanden vor, so dass man nicht weiß, ob es sich um vegan lebende Menschen handelte, wovon ich _nicht_ ausgehe.


Was bedeuten diese Ergebnisse für Veganer? Man kann sie natürlich nicht 1:1 auf vegan lebende Menschen übertragen, denn auch die Autoren der Studie mit Folsäure und Vitamin B12 besagen, dass man evtl. B-Vitamine nur dann supplementieren sollte, wenn man einen Mangel hat. Es gibt eine evidenzbasierte Empfehlung für Folsäure (für Schwangere bis Ende der 12. Woche) und auch Veganer sind definitiv auf Vitamin B12-Supplemente angewiesen. Aber ich würde vorsichtig vorschlagen, die Dosierung der Supplemente so einzustellen, dass es nicht zu hoch ist und trotzdem den Bedarf deckt. Ich kann euch da die Empfehlungen der Webseite veganhealth.org ans Herz legen: https://veganhealth.org/vitamin-b12/explanation-of-vitamin-b12-recommendations/ Auf der Webseite findet ihr auch ganz viele ausführlichen Infos zum Thema Vitamin B12. Niko Rittenau empfiehlt in der neuen Auflage von seinem Buch „Vegane Klischees ade“ folgende B12-Mengen für Erwachsene (bis 65 Jahre, nicht stillend oder schwanger): entweder 2x täglich 6-10mcg oder 1x täglich 100-150mcg. Laut Jack Norris (veganhealth.org) kann man auch 3x Woche 1000mcg nehmen. Wer also hochdosierte Tabletten zuhause hat, kann sie aufbrauchen und dann evtl. auf niedrig dosierte Präparate umsteigen – so werde ich das machen.


Habt ihr noch Fragen zum Thema Krebs oder/und Vitamin B12 und vegane Ernährung?


Quellen:


Appleby et al. The long-term health of vegetarians and vegans. Proc Nutr Soc. 2016 Aug;75(3):287-93. doi: 10.1017/S0029665115004334.


Araghi et al. Folic Acid and Vitamin B12 Supplementation and the Risk of Cancer: Long-term Follow-up of the B Vitamins for the Prevention of Osteoporotic Fractures (B-PROOF) Trial. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 2019 Feb;28(2):275-282. doi: 10.1158/1055-9965.EPI-17-1198


Dinu et al. Vegetarian, vegan diets and multiple health outcomes: A systematic review with meta-analysis of observational studies. Crit Rev Food Sci Nutr. 2017 Nov 22;57(17):3640-3649. doi: 10.1080/10408398.2016.1138447.


Fanidi et al. Is high vitamin B12 status a cause of lung cancer? Int J Cancer 2019 Sep 15;145(6):1499-1503. doi: 10.1002/ijc.32033


Orlich et al. Vegetarian Dietary Patterns and Mortality in Adventist Health Study 2. JAMA Intern Med. 2013 Jul 8; 173(13): 1230–1238. doi: 10.1001/jamainternmed.2013.6473


Tantomango-Bartley et al. Vegetarian Diets and the incidence of cancer in a low-risk population. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 2013 Feb; 22(2): 286–294. doi: 10.1158/1055-9965.EPI-12-1060

Schreibe einen Kommentar

Weitere Blogposts